
Wert und Wandel der Korallen
Jede Schlaufe zählt: Häkelkunst warnt vor Korallensterben
Der Mensch und das Meer: Eine Ausstellung in Baden-Baden zeigt ein Häkel-Projekt zweier Schwestern, das weltweite Aufmerksamkeit erregte und an dem schon Tausende von Menschen mitgewirkt haben. Die Korallenriffe sind aus farbiger Wolle und glitzernden Fäden gehäkelt. Polypen, Noppen und Stängel wuchern über die Tische und viele gewellte, krause Korallenformen bestimmen das Ausstellungsbild. Sie sehen aus wie farbiger Salat oder Federkohlblätter.Handwerkskunst trifft Mathematik.
Dass die Kunstriffe nicht aus Pappe oder Knete geformt sind, sondern gehäkelt, hat einen besonderen Grund, erklärt eine der beiden Schwestern, Margaret Wertheim: «Viele der rüschenartigen, krausen Formen der Korallen sind nach einer alternativen Geometrie geformt, der sogenannten hyperbolischen Geometrie. Diese unterscheidet sich von der euklidischen Geometrie, die wir in der Schule lernen. Menschen tun sich schwer damit, hyperbolische Modelle zu bauen, aber mit Häkeln geht das. Im Häkeln treffen sich also hohe Mathematik und traditionelle Handwerkskunst. Die Häkel-Korallenriffe in Baden-Baden bestehen aus insgesamt 25’000 Einzelstücken. Gehäkelt haben sie über 4’000 Menschen – hauptsächlich Frauen.
«Echte Korallenriffe wie das Great Barrier Reef werden von Milliarden Korallen gemacht, und wir würdigen das nicht und zerstören sie. Häkel-Riffe werden von Tausenden von Menschen gemacht und sie sind uns nicht genug Wert, um sie zu behalten. Wertschätzung ist an individuelle Namen gebunden, vor allem männliche», sagt Margaret Wertheim.
Das Individuelle wird gewertschätzt, das anonyme Kollektiv nicht. Während vier Monaten füllt jetzt das Häkel-Riff in Lausanne eine symbolische Leere. Während draussen die Korallenriffe ausbleichen, erinnern die gehäkelten Korallen daran, dass die Menschheit gerade ein Naturwunder zerstört, das wahrscheinlich für immer zu verschwinden droht.